
Das Wichtigste in Kürze
Warum verändert sich das Verhalten? Menschen mit Demenz orientieren sich weniger an gesellschaftlichen Regeln, Hemmschwellen verschieben sich – auch bei sexuellen Wünschen, die dann sehr direkt geäußert werden.
Was passiert im Pflegeheim? Sexualität wird in Institutionen oft als Problemverhalten statt als menschliches Bedürfnis gesehen, Suche nach Nähe kann sogar als Übergriff gewertet werden – Biografiearbeit hilft, das richtig einzuordnen.
Was hilft? Fallbesprechungen im Team, geschulte Sexualbegleiter und Verständnis für die Bedürfnisse verbessern die Lebensqualität. Pflegende Partner mit Blockaden finden Unterstützung in einer Beratungsstelle.
Sexualität und Demenz: Das Thema ist höchst persönlich und wird der Jugend zugesprochen.
Welchen Einfluss hat Demenz auf die Sexualität?
Menschen mit Demenz können sich nicht mehr an den üblichen gesellschaftlichen Regeln orientieren. Hemmschwellen verschieben sich. Das gilt sehr oft auch für ihr sexuelles Verhalten. Sie äußern ihre sexuellen Wünsche sehr direkt, auch gegenüber Personen, die nicht Partnerin oder Partner sind.
Sexualität im Pflegeheim
Zusätzlich zu diesem gesellschaftlichen Kontext haben ältere Menschen in der Ausübung ihrer Sexualität einige Barrieren zu überwinden. Der Körper verändert sich und die Einnahme von Medikamenten kann einen negativen Einfluss auf die Libido haben.
Grundsätzlich ist Sex aber bis ins hohe Alter möglich und gesund, auch wenn sich die einzelnen Phasen beim Geschlechtsakt im Alter etwas verändern. Und Sexualität ist individuell, und jeder soll dieses Grundbedürfnis so gestalten können, wie es für ihn passend ist.
Menschen mit Demenz haben zusätzlich das Problem, dass alle Behandlungen und Handlungen auf den Fokus der Krankheit gerichtet sind. Auf die menschlichen Bedürfnisse dahinter wird oft keine Rücksicht genommen. Meistens werden sexuelle Wünsche als herausforderndes Verhalten der Krankheit Demenz zugeordnet und nicht als Bedürfnis der Person gesehen.
Während die Betroffenen ihre Sexualität in den eigenen vier Wänden oft gut leben, fristet dieses Thema in den meisten Institutionen noch ein Schattendasein. Hier gilt es, viele Überlegungen einzubeziehen:
Oft suchen BewohnerInnen nach Zärtlichkeit und Berührung, welche über die normale Körperpflege hinausgeht. Wenn sie dabei unbewusst in die Intimzone des Pflegepersonals eintreten, dann wird das oft als sexueller Übergriff bewertet und auch im Personalakt so festgeschrieben.
Sexualität und Demenz: Ein Beispiel aus meiner Demenzbegleitung:
Herr K. war auf seiner Station als „Sexmonster“ bekannt und so verhielt man sich ihm gegenüber auch. Weil er öfters anzügliche Bemerkungen fallen ließ und sich ab und zu auf sein bestes Stück griff, wurde ihm für ein paar Tage ein Ganzkörperanzug verpasst. Herr K., der bisher den Toilettengang noch gut erledigen konnte, wurde inkontinent.
Hätte sich das Personal mit der Biografie von Herrn K. auseinandergesetzt, so hätten sie gewusst, dass er Zeit seines Lebens sexuell sehr aktiv war und daher kein Problemverhalten aufgrund seiner Demenz vorlag.
Da er auf dieser Station „abgestempelt“ war, wurde er von den Angehörigen verlegt. Dort konnte ich ihn noch viele Monate begleiten, ohne einen einzigen Übergriff auf mich oder andere Personen. Sein Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung wurde erkannt und gestillt.
- Mangels Alternativen wird oft nach einem Partner im Heim Ausschau gehalten. Haben sich zwei Menschen gefunden, stehen sie wieder vor einem Problem. Es gibt in den wenigsten Heimen Räume, wo man ungestört intim werden kann. Und es gibt MitbewohnerInnen, die solch neue Beziehungen aus verschiedenen Gründen nicht gutheißen.
- Auch das Pflegepersonal ist hier gefordert. Sind es doch einige Fragen, die hier im Raum stehen und gelöst werden sollen: Wollen es beide Bewohner freiwillig oder wird einer genötigt? Was ist, wenn der Geschlechtsakt ohne Unterstützung durch das Pflegepersonal nicht mehr möglich ist? Was ist zu tun, wenn es noch Partnerschaften außerhalb der Institution gibt?
Nicht einfach zu beantworten. Noch dazu wo der Umgang mit der eigenen Sexualität bei der Sichtweise eine Rolle spielt. Fallbesprechungen über die weitere Vorgangsweise sind hier zum Wohle von BewohnerInnen und vom Pflegepersonal sehr hilfreich.
In einigen Institutionen werden Sexualbegleiter eingesetzt. Sie haben eine ganz spezifische Ausbildung und erfüllen die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse der Sexualität bei den BewohnerInnen. In Studien wurde festgestellt, dass dadurch nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessert wurde, sondern auch deren Medikamentenverbrauch gesunken ist. Auch ein Fachartikel der Bundeszentrale für politische Bildung (2019) bestätigt aus der Praxis, dass regelmäßige Sexualbegleitung beruhigend wirken und sexuell unangemessenes Verhalten reduzieren kann.
Eine besondere Herausforderung ist die Sexualität für den Partner eines Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen. Vor allem dann, wenn er die Betreuung und Pflege übernommen hat. Was bei beginnender Demenz noch Erfüllung und Intimität sein kann, wird mit fortschreitendem Krankheitsverlauf zunehmend ein Problem.
Wenn der pflegende Partner aufgrund der Inkontinenzversorgung oder aus Schuldgefühlen gegenüber der erkrankten Person sexuell blockiert ist, lohnt es sich, eine Beratungsstelle aufzusuchen.
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