
Das Wichtigste in Kürze
Vom Tod erzählen? Ja, auch Menschen mit Demenz haben ein Recht darauf. Vertraute Gespräche und gewohnte Abschiedsrituale helfen, auch wenn der Tod manchmal nicht begriffen werden kann.
Warum die Tränen? Trauer bei Demenz kann viele Ursachen haben: Verlust von Fähigkeiten, vom Zuhause oder von nahestehenden Personen, aber auch körperliche Schmerzen.
Wie unterstützen? Wichtig ist, sich einfühlsam in die Gefühlswelt zu begeben, Nähe anzubieten und die Not zu teilen, statt sie wegzuschieben – so findet der Betroffene inneren Frieden.
Trauer bei Menschen mit Demenz: Soll man vom Tod eines nahen Angehörigen erzählen?
Auch Menschen mit Demenz haben das Recht, über das Ableben informiert zu werden. Wenn die erkrankte Person das Geschehen wahrnehmen kann, dann helfen Gespräche über gemeinsame schöne Erlebnisse. Auch gewohnte Abschiedsrituale können im Umgang mit der Trauer unterstützen.
Aufgrund der Demenzerkrankung kann es aber auch passieren, dass der Tod von der erkrankten Person nicht realisiert werden kann. Unabhängig von ihrer Reaktion sind Menschen mit Demenz auf unsere Unterstützung angewiesen.
Wie kann ich als pflegender und begleitender Angehöriger unterstützen, wenn der Betroffene immer wieder in Tränen ausbricht?
Da ich immer wieder mit dieser Frage konfrontiert bin, möchte ich heute einfach mal erzählen, was ich diese Woche zu diesem Thema erlebt habe.
Der Klient liegt zusammengekauert in seinem Bett. Er hat die Augen geschlossen und gibt laute Geräusche von sich. Aus meiner langjährigen Erfahrung spüre ich seine Not und weiß, dass er weint, obwohl keine Tränen fließen. Bevor irgendeine Reaktion meinerseits erfolgt, ist es ganz wichtig, mich in seine Gefühlswelt zu begeben. Der Mann muss zunächst spüren, dass ich ihn in seinem Leid ernst nehme. Das ist die Voraussetzung dafür, dass er mir vertraut und mir vielleicht von seinem Schmerz erzählt.
Trauer bei Menschen mit Demenz kann viele Ursachen haben:
Mögliche Ursachen für Trauer sind:
- Verlust von Fähigkeiten
- Verlust der Bewegungsfreiheit
- Verlust des bisherigen Zuhauses
- Verlust von nahestehenden Personen
Tränen können aber auch körperliche Schmerzen oder die Aufarbeitung von seelischem Leid bedeuten. Egal worum es geht – wichtig für den Betroffenen ist in diesem Moment, dass die negativen Gefühle nicht weggeschoben werden, sondern, dass die Not geteilt wird.
Um meine Verbundenheit mit meinem Klienten noch zu verstärken, frage ich nach, ob ich ihn berühren darf. Erst als er mit dem Kopf bejaht, drücke ich seinen Oberarm sanft, während ich ihm die andere Hand reiche, die er gleich ergreift. Durch die körperliche Nähe wird nicht nur Solidarität vermittelt, sondern auch Geborgenheit und Sicherheit.
Jetzt beginne ich langsam mit der Abklärung der Ursache für die aktuelle Verzweiflung, indem ich langsam und verständnisvoll nachfrage, ohne eine Antwort zu erwarten. Ich lasse offen, ob er darüber reden kann oder möchte, um nicht zusätzlichen Druck aufzubauen. Herr M. hat mittlere Demenz und kann sich noch mit Worten verständigen. Und tatsächlich bricht es aus ihm heraus: „Nehmen Sie mich mit, ich bin so allein.“
Jetzt wäre es ein Fehler zu widersprechen, denn der Klient hat einen netten Zimmerkollegen, bekommt regelmäßig Besuch von seinen Kindern und auch das Pflegepersonal kümmert sich liebevoll um ihn. Hier geht es aber nicht um die äußeren Umstände, sondern um seine innere Einsamkeit.
Ich bestätige jetzt, dass ich seine Botschaft verstanden habe und lasse ihm Zeit, bevor ich nachfrage, ob er mir denn erzählen möchte, was so ganz schlimm für ihn ist. Er öffnet seine Augen und gibt mir zur Antwort: „Ich weiß es nicht mehr.“
Was immer der Grund für seine Traurigkeit war, für Herrn M. war offenbar in dieser Situation nur wichtig, dass jemand da ist, der seine Gefühle teilt.
Trauer bei Menschen mit Demenz darf ihren Platz haben und erfordert viel Einfühlungsvermögen. Wenn man über die Herzensbrücke verbunden ist, dann kann der Betroffene loslassen und seinen inneren Frieden finden. Wichtig ist dabei, Trauer von einer Depression zu unterscheiden: Trauer tritt meist wellenförmig auf und wechselt sich mit Momenten von Freude ab, während eine anhaltende, tiefe Niedergeschlagenheit über längere Zeit eher auf eine Depression hinweist, die fachärztlich abgeklärt werden sollte.
AUCH ONLINE
Trauer- und Sterbebegleitung gibt Sicherheit
„Abschied nehmen bedeutet, einen Menschen loszulassen, mit dem uns so vieles verbindet.“mehr erfahrenHäufige Fragen
Trauer über Verluste, etwa der eigenen Fähigkeiten, ist eine normale, situationsbedingte Reaktion, die meist in Wellen auftritt und mit Momenten von Freude abwechselt. Eine Depression zeigt sich als anhaltende, tiefergehende Niedergeschlagenheit über einen längeren Zeitraum, oft verbunden mit Appetit- und Schlafveränderungen. Die Abgrenzung kann im Einzelfall schwierig sein und erfordert oft fachliche Einschätzung.
Anzeichen können anhaltende Traurigkeit, Interessenverlust, Appetitveränderungen, Schlafstörungen oder verstärkter sozialer Rückzug sein. Da Betroffene ihre Gefühle oft schwerer in Worte fassen können, äußert sich eine Depression manchmal eher über Verhalten als über verbale Aussagen. Eine Depression kann kognitive Symptome zusätzlich verstärken. Bei Verdacht sollte eine fachärztliche Abklärung erfolgen.
Weltweit leben nach Schätzungen internationaler Gesundheitsorganisationen mehrere Zehn Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, wobei sich diese Zahl aufgrund der alternden Weltbevölkerung stetig erhöht. In Österreich sind schätzungsweise über hunderttausend Menschen betroffen. Da die genauen Zahlen je nach Erhebungsmethode und Zeitpunkt variieren können, empfiehlt sich für aktuelle, verlässliche Zahlen ein Blick auf die Veröffentlichungen etablierter Gesundheitsorganisationen wie der Weltgesundheitsorganisation oder nationaler Alzheimer-Gesellschaften.
Das Wissen um den unweigerlich bevorstehenden Verlust des Angehörigen löst oft schon lange vor dem eigentlichen Tod erhebliche Trauergefühle aus, die als normale, sogenannte antizipatorische Trauer verstanden werden können. Es hilft, sich diese vorwegnehmende Trauer bewusst zu erlauben, statt sie zu unterdrücken, da sie einen wichtigen Teil der emotionalen Verarbeitung darstellt. Der Austausch mit anderen, die Ähnliches erleben, sowie gegebenenfalls professionelle Trauerbegleitung können in dieser Phase sehr wertvoll sein.
Persönliche Unterstützung bei Demenz
Wir begleiten Sie persönlich – telefonisch, online oder vor Ort.
