
Das Wichtigste in Kürze
Was ist das? Validation nach Naomi Feil ist eine Kommunikationsmethode, die Gefühle hinter Worten und Verhalten von Menschen mit Demenz ernst nimmt statt sie zu korrigieren.
Was hilft konkret? Einfache Sprache, Zeit für Antworten, Blickkontakt und das Aufgreifen von Gefühlen statt Widerspruch oder Warum-Fragen – immer angepasst an die Person.
Was sagt die Wissenschaft? Viele Grundgedanken der Validation überschneiden sich mit heutiger personenzentrierter Begleitung, doch eine besondere Wirksamkeit gegenüber anderen Ansätzen ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Validation bei Demenz: verstehen, was hinter Worten und Verhalten steckt
Validation bei Demenz ist eine von Naomi Feil entwickelte Kommunikationsmethode für den Umgang mit desorientierten älteren Menschen. Im Mittelpunkt stehen das Wahrnehmen und Ernstnehmen von Gefühlen sowie eine wertschätzende, empathische Kommunikation.
Naomi Feil entwickelte die Methode auf Grundlage ihrer praktischen Arbeit und Beobachtungen. Sie geht davon aus, dass hinter Äußerungen und Verhaltensweisen häufig Gefühle und Bedürfnisse stehen, die für die betroffene Person in diesem Moment von Bedeutung sind.
Dieser Grundgedanke passt zu wichtigen Prinzipien der heutigen personenzentrierten Demenzbegleitung: Menschen mit Demenz sollen als Individuen wahrgenommen, ihre Lebensgeschichte, Vorlieben und Bedürfnisse berücksichtigt und die Kommunikation an ihre jeweiligen Fähigkeiten angepasst werden. Genau dies empfiehlt auch die NICE-Leitlinie zur Demenzversorgung – eine britische Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence. (NICE)
Wichtig ist jedoch: Validation nach Naomi Feil ist ein eigenes Kommunikationskonzept. Die wissenschaftliche Evidenz reicht derzeit nicht aus, um daraus abzuleiten, dass die Methode einer anderen Form guter personenzentrierter Kommunikation generell überlegen ist. Eine systematische Cochrane-Auswertung – eine international anerkannte, unabhängige Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien – fand nur wenige kontrollierte Studien zur Validationstherapie. (PubMed)
Die vier Stadien im Validationsmodell nach Naomi Feil
Einordnung: Diese vier Stadien gehören zum theoretischen Modell der Validation nach Naomi Feil. Sie sind keine medizinische Stadieneinteilung der Demenz und sollten nicht mit klinischen Schweregradeinteilungen oder diagnostischen Kriterien gleichgesetzt werden.
Kurz zusammengefasst:
- Stadium I (mangelhafte/unglückliche Orientierung) – die Person ist noch weitgehend orientiert, wirkt aber unzufrieden oder gereizt.
- Stadium II (Zeitverwirrtheit) – Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, das Kurzzeitgedächtnis lässt deutlich nach.
- Stadium III (sich wiederholende Bewegungen) – Sprache tritt in den Hintergrund, Gefühle werden über wiederkehrende Bewegungen ausgedrückt.
- Stadium IV (Vegetieren) – die Person zieht sich fast vollständig zurück und reagiert kaum noch auf die Umgebung.
„Jedes Verhalten hat eine bestimmte Ursache“
Wir kommunizieren einfühlsam und möglichst urteilsfrei. Veränderungen im Verhalten können viele Ursachen haben. Deshalb versuchen wir zu verstehen, welche körperlichen, psychischen, sozialen oder umgebungsbedingten Faktoren in der jeweiligen Situation eine Rolle spielen könnten.
NICE empfiehlt bei Belastung oder auffälligem Verhalten ausdrücklich eine strukturierte Suche nach möglichen Ursachen, beispielsweise Schmerzen, Delir, unangemessener Versorgung oder Umweltfaktoren, bevor eine Behandlung begonnen wird. (NICE)
Es gibt eben nicht zwingend „die eine Ursache“.
„Empathie ist wichtiger als Technik“
Empathie und eine personenzentrierte Haltung
Empathie, Respekt und eine wertschätzende Haltung sind wichtige Grundlagen einer guten Begleitung. Gleichzeitig sollte Kommunikation immer an die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Person angepasst werden.
Dazu können beispielsweise gehören:
- eine einfache Sprache
- ausreichend Zeit für eine Antwort
- Blickkontakt
- unterstützende Gesten
- visuelle Hilfsmittel
Die WHO empfiehlt für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz, jeweils nur eine Information oder Frage auf einmal zu vermitteln, kurze verständliche Sätze zu verwenden, Zeit für Antworten zu lassen und auf Mimik und Körpersprache zu achten. (Weltgesundheitsorganisation)
Fragen an die Fähigkeiten der Person anpassen
Offene Fragen können einem Menschen Raum geben, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie können bei einer fortgeschrittenen Demenz aber auch überfordern.
Deshalb sollte die Form der Frage individuell angepasst werden. Wenn eine offene Frage schwerfällt, können zwei konkrete Wahlmöglichkeiten oder eine einfache Ja-/Nein-Frage hilfreicher sein.
Die WHO empfiehlt ausdrücklich, bei Bedarf von offenen auf geschlossene Fragen zu wechseln und jeweils nur eine Sache auf einmal anzusprechen. (Weltgesundheitsorganisation)
„Warum-Fragen werden vermieden“
Komplexe „Warum“-Fragen können anspruchsvoll sein, weil sie eine Erklärung oder Begründung verlangen. Wenn eine solche Frage die Person überfordert, können konkretere Fragen oder das Aufgreifen des ausgedrückten Gefühls hilfreicher sein.
Nicht jeder Mensch mit Demenz ist grundsätzlich unfähig, eine Warum-Frage zu beantworten. Demenz ist kein einheitlicher Zustand, und kommunikative Fähigkeiten unterscheiden sich stark.
„Menschen mit Demenz niemals widersprechen“
Nicht reflexartig korrigieren: Wenn eine Aussage nicht mit unserer Realität übereinstimmt, muss sie nicht automatisch korrigiert werden. Oft ist es hilfreicher, zunächst das dahinterliegende Gefühl oder Bedürfnis wahrzunehmen. Ob eine sachliche Korrektur sinnvoll ist, hängt von der Person, der Situation und möglichen Folgen ab.
„Niemals lügen“
Ehrlich und respektvoll kommunizieren
Bewusste Täuschung sollte nicht als allgemeine Kommunikationsstrategie eingesetzt werden. Gleichzeitig können Situationen bei Demenz komplex sein. Entscheidend sind Respekt, Würde, Sicherheit und die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Person.
Statt eine belastende falsche Vorstellung unnötig zu verstärken oder die Person hart mit Fakten zu konfrontieren, kann es hilfreicher sein, auf das zugrunde liegende Gefühl einzugehen.
„Validation bewirkt, dass Menschen sich wohler fühlen“
In unserer praktischen Arbeit erleben wir, dass Menschen nach einem wertschätzenden Gespräch mitunter ruhiger oder erleichtert wirken. Ob und wie ein Mensch auf Validation reagiert, ist jedoch individuell. Die bisherige wissenschaftliche Evidenz reicht nicht aus, um eine solche Wirkung generell für Menschen mit Demenz zu behaupten.
Berührung und Blickkontakt
Blickkontakt, eine ruhige Stimme und – wenn die Person dies als angenehm empfindet – eine behutsame Berührung können die Kontaktaufnahme unterstützen. Persönliche Vorlieben und Reaktionen sollten dabei immer berücksichtigt werden.
Die WHO nennt Ansprache auf Augenhöhe, Gesicht-zu-Gesicht-Kommunikation und gegebenenfalls eine leichte Berührung als mögliche Kommunikationshilfen – aber nicht als für jeden Menschen geeignete Pflicht. (Weltgesundheitsorganisation)
„Menschen können meistens noch Kinderlieder singen“
Auch wenn die sprachliche Kommunikation bereits deutlich eingeschränkt ist, können vertraute Musik und bekannte Lieder bei manchen Menschen weiterhin einen Zugang ermöglichen. Ob und wie jemand darauf reagiert, ist individuell.
„Was man mit Emotion lernt, vergisst man nie“
Auch wenn kognitive Fähigkeiten im Verlauf einer Demenz abnehmen, können emotionale Reaktionen, vertraute Situationen, Musik, Beziehungen und biografisch bedeutsame Erfahrungen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Deshalb richtet sich gute Demenzbegleitung nicht ausschließlich auf vorhandene kognitive Fähigkeiten, sondern auf den Menschen als Ganzes.
Wissenschaftliche Einordnung der Validation
Was sagt die Wissenschaft zur Validation?
Validation nach Naomi Feil ist eine etablierte Kommunikationsmethode in der praktischen Demenzbegleitung. Einzelne ihrer Grundgedanken – beispielsweise Gefühle ernst zu nehmen, nicht unnötig zu konfrontieren und die individuelle Lebensgeschichte zu berücksichtigen – überschneiden sich mit heutigen Konzepten personenzentrierter Demenzversorgung.
Die spezifische Wirksamkeit der Validation nach Feil ist wissenschaftlich jedoch nicht ausreichend belegt, um sie gegenüber anderen personenzentrierten Kommunikationsansätzen als überlegen einzustufen. Die vorhandenen kontrollierten Studien sind begrenzt. (PubMed)
Die NICE-Leitlinie empfiehlt:
- Menschen mit Demenz in Entscheidungen einbeziehen
- persönliche Geschichte, Vorlieben und Routinen berücksichtigen
- Kommunikationsformen individuell anpassen
- bei belastendem Verhalten nach körperlichen, psychischen und umgebungsbedingten Ursachen suchen
(Nice)
Auch die WHO empfiehlt eine ruhige, einfache und an die Fähigkeiten der Person angepasste Kommunikation, ausreichend Zeit für Antworten sowie die Beachtung von Gesichtsausdruck und Körpersprache. (Weltgesundheitsorganisation)
Für unsere Arbeit bedeutet das: Wir nutzen Elemente der Validation dort, wo sie dem einzelnen Menschen helfen können. Entscheidend ist für uns nicht das starre Anwenden einer Methode, sondern eine respektvolle, personenzentrierte und an die individuelle Situation angepasste Begleitung.
„In Erinnerung an das große Lebenswerk von Naomi Feil (22.7.1932 – 24.12.2023)“
Am 5.12.2023 hat Vicki de Klerk-Rubin, die Tochter von Naomi Feil, ein letztes sehr berührendes und beeindruckendes Gespräch mit ihrer Mutter aufgezeichnet. Naomi Feil ist kurz darauf am 24.12.2023 verstorben.

Siehe auch Naomi Feil auf Wikipedia
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Verlag: Ernst Reinhardt · Erschienen: 2023 · ISBN: 978-3-497-03203-7
Naomi Feil hat für den Umgang mit desorientierten alten Menschen die Methode der Validation entwickelt. Validation akzeptiert den Menschen so, wie er ist. Die Gefühle und die innere Erlebniswelt des verwirrten Menschen werden respektiert. Diese Menschen in ihrer eigenen Welt zu erreichen - das ist die Kunst der Validation. Das Buch ist ein unverzichtbarer Leitfaden für alle, die mit der Behandlung und Pflege desorientierter Menschen betraut sind.Medizinischer Hinweis
Die Inhalte dieser Seite und der FELIX Kognitions-Check dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung. Sie ersetzen keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle medizinische Beratung. Bei neu auftretenden, zunehmenden oder den Alltag beeinträchtigenden Veränderungen von Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Verhalten oder anderen kognitiven Fähigkeiten sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
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